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Identitätsdiskurs in Kunst & Kultur

  • 13. März 2025
  • 11 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 24. Apr. 2025

Zusmmenfassung

In gegenwärtigen Gesellschaftsdiskursen hat sich ein Denken der Identitätslogik etabliert. Darin stehen sich möglichst viele individuelle Identitäten gegenüber, die so eine heterogene und plurale Gemeinschaft etablieren und darstellen sollen. In diesem Denken wird aber übersehen, dass sich diese vielen unterschiedlichen Identitäten nicht verbinden können, da sie ihre Existenz nur durch Abgrenzung etablieren. Gerade Kunst & Kultur, welche heute oft für den gesellschaftlichen Zusammenhalt in Anspruch genommen werden, scheitern an dieser Aufgabe. Daher ist es notwendig, Identität komplexer zu denken, damit das Zusammenleben der Menschen verstanden und auch wieder besser gelingen kann. Identitäten sind vielmehr instabil und entstehen aus der Differenz, in der Begegnung mit dem Anderen und Fremden. An einem konkreten Beispiel, wie Identität mittels Kunst & Kultur von einer wahlwerbenden Partei/Liste zur Bürgermeister- und Gemeinderatswahl 2025 im Kleinwalsertal verstanden wird, soll diese Problematik und ein möglicher Lösungsansatz skizziert werden.

 

 

Kultur hat generell, aber vor allem wenn Wahlen anstehen, kein gutes, zumindest vorrangiges Standing. Zentrales Anliegen ist vielmehr die Wirtschaft. Wenn es dieser gut geht, dann geht es „uns“, d. h. der Bevölkerung auch gut. Insofern stört es niemanden, wenn das Thema Kultur nicht den vordersten Platz bei der Themenbesetzung einnimmt, es sein denn, dass durch Migration Kultur zu einem Kulturkampf wird. Aber andernfalls scheint sie vernachlässigbar zu sein. So wundert es denn auch nicht, dass zur Gemeinderats- und Bürgermeisterwahl 2025 im Kleinwalsertal man von zwei werbenden Listen/Parteien zur Kultur gar nichts findet. Eine andere formuliert unter die Rubrik „Kultur & Ehrenamt“ gerade mal drei kurze Schlagwörter/Sätzchen, die mehr oder weniger nichtssagend sind. Wenigstens eine Liste/Partei öffnet sich diesem Thema, wohltuend – zumindest auf den ersten Blick – etwas mehr. Bei genauerer Lektüre kann man sich aber dann dem Eindruck nicht verwehren, dass sie sich inhaltlich nicht viel von den anderen unterscheiden und deren Verständnis von Kultur noch am ehesten mit Tradition zusammenfällt.[1] So liest man dort unter der Rubrik „Kunst & Kultur“ zunächst:

 

„Kultur schafft Gemeinschaft und Heimat. Alle Kulturformen sind Ausdruck von Identität. Sie lassen uns verstehen, woher wir kommen und wer wir sind.“[2]

 

Wenn man nun den ersten Satz (eigentlich ist es ja eine Überschrift) liest, „Kultur schafft Gemeinschaft und Heimat“, dann stellen sich ein paar Fragen: Beispielsweise, was denn diese Gemeinschaft und Heimat eigentlich sind? Wer gehört dazu, wer nicht? Was muss man tun, wie sich verhalten oder vielleicht aussehen, damit man dort mitmachen darf? Polka spielen, Texte schreiben bzw. performen, tanzen, malen, designen, Holzhäuser bauen usw.? Handelt es sich bei dieser so interpretierten „Kunst & Kultur“ um eine allumfassende Kulturgemeinschaft oder nicht eher um viele einzelne Subgemeinschaften, die mit den anderen wenig zu tun haben und ihr je eigenes „Ding“ machen? Letzteres könnte einem in den Sinn kommen, wenn man den zweiten Satz dazu liest: „Alle Kulturformen sind Ausdruck von Identität.“ Identität meint gerade immer etwas Wesenhaftes, eine Essenz, etwas Eigenes oder Besonderes. Insofern müsste man eher von vielen einzelnen Subgemeinschaften sprechen, wo sich jede_r in der je eigenen Bubble aufhält, wo beispielsweise Tänzer_Innen sich zu einem gemeinsamen Event treffen, sich aber getrennt halten von einem Fotografie-Workshop etc. Jede_r macht ihr_sein Ding, da jede_r in ihrem_seinem künstlerischen Tun die Erfüllung findet. Aber schaffen diese heterogenen Praktiken tatsächlich eine (plurale) Gemeinschaft und Heimat, wo sich alle zuhause fühlen, oder sind es nicht vielmehr eher Monaden? Und der dritte Satz: „Kultur lässt uns verstehen, woher wir kommen und wer wir sind.“ Auch hier die Rückfrage: Ist das tatsächlich so? Wenn ich „Kunst & Kultur“ mache, weiß ich dann de facto wirklich, woher ich komme und wer ich bin? Wenn ich beispielsweise ein einheimischer Spitzenkoch bzw. -köchin bin, bin ich dann nur Koch bzw. Köchin oder nicht vielleicht noch etwas mehr, z. B. ein(e) Einheimische_r? Lässt sich die Identität, d. h. mein je eigenes Wesen, wirklich so verstehen oder ist das nicht eine starke Verkürzung? Schafft also Kunst & Kultur so mittels Identität Gemeinschaft?

 

Von Identität und zugleich von Gemeinschaft zu sprechen, scheint mir von daher problematisch, vor allem dann, wenn sie, d. h. die Kunst & Kultur auf so etwas heterogenes, wie die Talbevölkerung bezogen wird.[3] Identitätsdenken läuft immer Gefahr, dass es durch Abgrenzungen zugleich auch Ausgrenzungen vornimmt, auch wenn dies durchaus nicht von den Kulturschaffenden und Künstler_innen intendiert ist. Aber nach meinen Verständnis von Kunst & Kultur sollte diese Heterogenität und Pluralität ermöglichen und stärken, indem sie Grenzen sprengt und Menschen zusammenführt. Im Identitätsdiskurs funktioniert dies aber nicht. Aus diesem Grund plädiere ich für ein anderes Kunst- und Kulturverständnis, eines, das weniger auf Identität basiert als auf Differenz. Dies möchte ich nachfolgend erläutern.

 

Zunächst einmal gilt es aber deutlicher festzuhalten, wie ich hier, d. h. in diesem Fall von der entsprechenden wahlwerbenden Partei, den Begriff der Identität verstehe. Identität: lat. idem, d. h. derselbe, dasselbe und ebenso vom lat. Identitas, d. h. „Wesenseinheit“. Um was es bei der Identität geht, lässt sich zunächst so bestimmen: Ein Gegenstand, ein Ding, eine Entität, als eine symbolisierte Beziehung, steht zu sich selbst und nur zu sich selbst in Beziehung. Es gilt hier das sogenannte Principium identitatis, was schlicht meint, dass jedes Individuum mit sich selbst identisch ist. Hinzu kommt das Prinzip der Ununterscheidbarkeit. Eine Sache ist nur dann mit einer anderen Sache identisch, wenn ich sie in keinen Belangen unterscheiden kann.[4] Insofern meint Identität erstens, wenn eine Entität mit sich selbst in Beziehung steht, die, zweitens, aber in gar nichts zu unterscheiden ist (Formal: X = Y dann und nur dann, wenn Y = X ist). Insofern kennt die Identität also nichts ihr Fremdes. Alles muss in einer völligen Harmonie bestehen, keine Verschmutzung, keine Irritationen, keine Differenzen, ansonsten kann man nicht von Identität sprechen. In diesem Sinne verstehe ich nun auch die oben bereits zitierte Aussage:

 

Kultur schafft Gemeinschaft und Heimat. Alle Kulturformen sind Ausdruck von Identität. Sie lassen uns verstehen, woher wir kommen und wer wir sind

 

Zwar mag es in den einzelnen (Sub-)Gemeinschaften (von Kulturschaffenden, Künstler_Innen) durchaus Heterogenität und Pluralität geben, verschiedenes Alter, Geschlecht, Herkunft, kurze Finger, schräge Nase etc. – deutlich wird dies in Künstlerkollektiven, wo es sicherlich nicht immer reine Homogenität zwischen den Künstler_Innen gibt – aber entscheidend ist, dass sie immer ein oberstes Prinzip[5] zusammenhält und sich damit von anderen (Sub-)Gemeinschaften unterscheiden bzw. abgrenzen. So grenzt sich beispielsweise auch der Walser von dem Allgäuer ab, die Walserin von der Wälderin vica versa etc. Doch wenn die Homogenität in der jeweiligen Gemeinschaft nicht (mehr) gegeben ist, dann hört auch das Kollektiv auf zu existieren und die Künstler_Innen gehen früher oder später wieder je ihren eigenen Weg. D. h. kurz gesagt, nach außen grenzt sich die Identität von anderen ab, nach innen schafft sie Homogenität. Raum für die Existenz von Fremden gibt es nicht. Taucht Fremdes auf, wird es draußen gehalten oder durch die eigene Totalität assimiliert und homogen gemacht. Daher gibt es im Identitätsdiskurs keinen Platz für Fremdes, Anderes oder Differenzen. Die Identität schottet sich ab. Sie wird zu einer gewalttätigen Monade.[6] Aktuell sehen wir das gerade durch die Außengrenzpolitik der Europäischen Union. Fremde müssen sich assimilieren oder werden erst gar nicht hereingelassen, egal wie hilfsbedürftig und asylberechtigt sie sind. Aber auch Amerika unter Trump macht indes nichts anders durch den Mauerbau zu Mexiko (und auch die Zollpolitik). Er sperrt sich selbst im Hause Amerika ein und von der Welt aus.

 

Um nun eben nicht in die Denkfalle der Identitätslogik zu tappen, gilt es, eine andere Zugangsform zu Kunst, Kultur oder allgemein gesprochen zu einer Kulturpolitik zu finden. Es müsste ein Denken sein, dass Räume und Zugangsweisen öffnet und nicht von vornherein schließt, eines das nicht nur Platz für Fremdes lässt, sondern das Fremdsein des Fremden versucht zu akzeptieren und nicht zu vereinnahmen. Es könnte sich dabei vielleicht um ein Denken der Differenz oder besser gesagt als eines dem die Differenz inhärent ist, beschreiben lassen. Ausgangspunkt für einen solchen Ansatz findet sich in einer dekonstruktiven Herangehensweise und Untersuchung der Identität selbst, insofern es nämlich fraglich ist, ob sie überhaupt als etwas Existierendes gedacht werden kann, das mit sich selbst in Beziehung steht, aber gleichzeitig differenzlos, ursprünglich und rein ist. So lässt sich beispielsweise Fragen, ob das Ich, in dem Moment, wenn es ich zu sich sagt, wirklich absolut deckungsgleich, sprich identisch mit sich selbst ist. Jacques Derrida hat mit seinen Texten immer wieder darzulegen versucht, dass dies kaum möglich sein wird.[7] Wenn das Ich über sich nachdenkt oder über sich spricht, dann ist immer schon eine Differenz zwischen Denkinhalt, d. h. dem Ich über das man aussagt oder nachdenkt und dem sprechenden bzw. denkenden Ich, d. h. dem Ich des Denkaktes, eingeschrieben. Niemals kommen das ausgesagte und das aussagende Ich gänzlich zur Deckung, da sie inhaltlich, wie zeitlich immer schon verschoben sind.[8] Ein Ich, das ganz bei sich selbst wäre, würde nicht das Bedürfnis verspüren, ich zu sich selbst zu sagen.[9] Wieso sollte es das auch? Insofern klafft hier eine Lücke bzw. Differenz.[10]  Bekanntermaßen hat auch Freud im Ich eine konstitutive Spaltung erkannt. Dass, das ich nicht Herr im eigenen Hause sei besagt nichts anderes, dass neben dem rational denkenden, sich selbst bewussten Ich, es eine weitere zweigeteilte, unbewusste Instanz gibt - das Es und das Über-Ich -, welche ständig mit ersteren im Klinsch liegen und ihm in die Quere kommen. Aber Differenzen liegen nicht nur dem Ich, genauer gesagt dem Subjekt zugrunde, sondern sämtlichen Gemeinschaften a priori. Um damit nun wieder näher an die Ausgangsfrage und die Aussagen der wahlwerbenden Partei zurückzukommen, dass Kultur, Gemeinschaft und Heimat schafft und alle Kulturformen Ausdruck von Identität sind, muss man sich klarmachen, dass jegliche Gemeinschaft, egal wie homogen und ursprünglich sie auch sein mag, nie als perfekte Reinheit und Ursprünglichkeit existieren kann, sondern vielmehr ihre jeweilige Entstehung wie auch Existenz einem Paradox und damit einer differenziellen Spannung verdanken. Denn schon im Gründungsakt der Gemeinschaft sind Differenzen eingeschrieben. Die Homogenität ist in ihren Anfängen zuallererst inhomogen, da der Gründungsakt primär aus lauter unverbundener, differenten Monaden besteht. Erst durch den Akt der Gründung, d. h. dem Zusammenschluss von sich Fremden, kann Gemeinschaft entstehen. Identität kann somit nur aus Verschiedenheit und Differenz begründet werden. Sich zu einem Volk, einer Nation aber auch zu einem Künstlerkollektiv zusammenschließen kann nur, wer oder was zunächst nicht zusammengehört, also was sich fremd ist. Andererseits besteht aber ein Volk, eine Nation oder auch ein Künstlerkollektiv aber gerade darin, ununterschieden und damit ident zu sein, Gemeinsamkeiten zu haben und dadurch eine Gemeinschaft zu bilden. Insofern muss sie das Fremde, also das Nichtdazugehörende zum Verschwinden bringen. Allerdings, wenn das Fremde und Differente verschwinden, verschwindet auch die jeweilige Gemeinschaft, da sie nicht mehr sichtbar sein wird. Anders gesagt, die Gemeinschaft braucht das Fremde, so wie die Identität Differenz enthält. Das ist das gemeinte Paradox. Für Georg Simmel ist es die Figur des Fremden, der durch die Gleichzeitigkeit von Nähe und Ferne Gemeinschaft schafft. Einerseits ist der Fremde immer fern, da er nicht dazu gehören darf, andererseits ist er immer schon nah, da sich die Gemeinschaft nur so zum Existieren bringen kann, indem sie sich von ihm abgrenzen und ihr Sein damit etablieren kann.[11] Insofern gilt dies aber auch für Kunst, Kultur oder Kulturpolitik im Allgemeinen. Die eigene Kultur kann nur entstehen und existieren, solange es die fremde gibt. Verschwindet die fremde, hört auch die eigene auf zu existieren. Kultur braucht den Stachel des Fremden.[12]

 

Doch woher kommt dieses Fremde, wieso kann es ohne den Stachel des Fremden und damit einer Differenz nicht funktionieren? Um dies darlegen zu können, wäre ein Exkurs in die Sprachphilosophie und dort insbesondere auf den Strukturalismus vonnöten. Dies kann hier aber aus Platzgründen nicht erfolgen. Eine holzschnittartige Skizze muss daher genügen: In aller Kürze besagt dieser Ansatz, dass die Bedeutung eines Wortes nicht an dem Ding selbst hängt, wie ein Namensschild oder „Post-its“, von dem man dann nur ablesen müsste, sondern sie entsteht erst daraus, was das andere gerade nicht ist. Die Bedeutung des Wortes „Baum“ funktioniert nur darum, weil diese keine Wiese, kein Haus, kein Mensch, kein Taschenrechner etc. ist. Die Bedeutung entsteht somit aus einem Netz von Differenzen. Sprachphilosophisch würde man davon sprechen, dass das Signifikat (die Bedeutung, also der Denkinhalt von „Baum“) nur durch Signifikanten (das Bezeichnende, d. h. Wort- oder Buchstabengebilde wie B.A.U.M) generiert werden kann. Dabei ist aber klar, dass sich dieses Netzwerk von Signifikanten nie zu Ende darstellen lässt. Insofern ist also die tatsächliche Bedeutung selbst ein Loch, eine Leere oder wie öfters gesagt wird, auch ein Mangel. Die Bedeutung ist schlussendlich immer ein Negativ, das inhaltlich nie vollständig gefüllt werden kann und man folglich auch nie ins Schwarze trifft. Insofern bedarf es also der Differenz, um zu bedeuten. Anders gesagt: Um Identität (Signifikat) zu ermöglichen, braucht es den anderen Signifikanten oder allgemeiner gesagt, das Andere, das Fremde, welches sich immer schon unterscheidet und somit Differenz ist. Dies hat zur Konsequenz, dass man zwar Bedeutungen erlangen kann, aber diese niemals ganz stabil sind, ständig oszillieren und flimmern, da es immer neues Fremdes und Anderes geben wird, die dieses Loch neu positionieren und verrücken. Insofern kann also auch jegliche Identität (Bedeutung, z. B. das Volk, die Nation, das Künstlerkollektiv) nie stabil sein und wird sich notwendigerweise verschieben. Wer könnte denn schon allgemeingültig und mit letzter Notwendigkeit bestimmen, was denn der oder die Walser_In ist? Es werden sich immer weitere Bestimmungen finden lassen, die die Bedeutung ändern und verschieben. Um auch ein Beispiel aus der Kunst, genauer der Literatur, zu erwähnen, wie sich etwas plötzlich in einem anderen Licht darstellen kann, sei an das Gedicht „Avenidas“ des mittlerweile 100jährigen Lyrikers Eugen Gomringer erinnert. Dabei handelt es sich um ein Werk aus den 1950ger Jahren, das vor knapp zehn Jahren wieder in die Schlagzeilen geriet, da es nun frauenfeindliche Stereotype wiederholt und damit performiert. Mitte des 20sten Jahrhundert war dies kein Thema. Hier ist nicht der Ort in die ein oder die andere Richtung zu argumentieren, sondern es soll vielmehr klar werden, dass Bedeutungen von Wörtern, Texten und Kontexten ständig dem Wandel unterworfen sind. Keine Bedeutung kann für alle Zeit fixiert werden, da der Stachel des Fremden immer ins Fleisch der Bedeutung sticht.

 

Schluss

 

Was „bedeutet“ dies nun für unseren „Kontext“? Was ist nun mit dieser Analyse für die Textpassage von der wahlwerbenden Partei/Liste zu gewinnen?

 

Kultur schafft Gemeinschaft und Heimat. Alle Kulturformen sind Ausdruck von Identität. Sie lassen uns verstehen, woher wir kommen und wer wir sind

 

Es sollte klar geworden sein, dass der Begriff der Gemeinschaft (und Heimat) zusammen mit Identität komplexer ist als allgemein vermutet. Wie dargelegt, gibt es die Identität, d. h. etwas, das mit sich selbst identisch und ununterschieden ist nicht in ihrer Reinform und Ursprünglichkeit. Wenn Kulturformen Ausdruck von Identität sind, dann kann es nur so sein, dass darin immer etwas mitenthalten und mitgedacht ist, dass gerade nicht dazu gehört. In der Identität steckt immer schon der Stachel des Fremden. Insofern wäre es verkürzt zu sagen, dass man aufgrund der Identität weiß, woher man kommt und wer man ist. Aufgrund des Fremden, das mir gänzlich unbekannt ist, kann ich nie sicher sein, nie ganz wissen, wer ich bin und woher ich komme. In mir oder allgemein im Ich klafft daher immer eine Differenz. Dies ist aber kein Nachteil, sondern im Gegenteil schafft das Miteinbeziehen der Differenz allgemein, aber im Besonderen auch auch für Kunst & Kultur, Raum für Neues und der Möglichkeit zur Begegnung. Identität ist damit nicht nur Rückschau auf ein nostalgisch Ferners „es war einmal“, sondern vor allem auch Offenheit. Ein weiterer Aspekt ist wichtig. Es gilt auch dieses Fremde und die Differenz anzunehmen und ihr ihre Eigenheit nach Möglichkeit zu belassen. Die Forderung überschnell Fremdes zu assimilieren und Differenzen zu nivellieren, beispielsweise indem sich ausländische Menschen uns anzupassen haben, führt nicht nur allzu leicht in einen Totalitarismus, sondern auch in letzter Instanz zum Verschwinden des Ichs, der Kunst und der Kultur. Dies gilt es stetes zu bedenken, wenn wir von Identität sprechen.


[1] Auf die Fragewürdigkeit (oder Motivation?) Kunst & Kultur als bedeutender Wirtschaftsfaktor zu kategorisieren, gehe ich bewusst nicht ein, lässt aber darin ein Profitabilitätsdenken vermuten.

[3] Wenn ich die Talbevölkerung vereinfachend nur auf die Nationalität reduziere, was mir generell zu trivial ist, dann haben wir mit Stand November 2024 46 verschiedene Nationalitäten, bei ca. 6000 Einwohner. Quelle Abfrage bei Gemeinde Mittelberg mit Stichtag 28.11.2024.

[4] Vgl. Wörterbuch der Philosophie, Meiner, Seite 304.

[5] Mit Lacan könnte man von einem „Großen Anderen“ sprechen oder mit Zizek schlicht auch von „Ideologie“.

[6] Für Emmanuel Lévinas ist die Totalität immer durch Gewalt gekennzeichnet, da sie den/das Andere in sich vereinnahmt und sich angleicht, vgl. bspw. Totalität und Unendlichkeit, Freiburg 2014.

[7] Ein instruktiver und einschlägiger Text ist beispielsweise die Stimme und das Phänomen, Frankfurt a. Main 2005.

[8] Derrida nennt diese Verschiebung „Différance“.

[9] Vgl. Bernet in Differenz und Anwesenheit in Phänomenologische Forschungen, Vol. 18, 1986, Seite 51-112, hier S. 74.

[10] In der obigen formalen Darstellung der Identität wird schon deutlich, dass man, um Identität beschreiben zu können, immer auf Differenzen setzten muss. So brauche ich eben um dies darlegen zu können ein System aus Signifikanten, z. B. X; =; Y etc.

[11] Vgl. Georg Simmel, Soziologie, Frankfurt a. Main, Seite 765ff.

[12] Dies ist eine Metapher des Phänomenologen Bernhard Waldenfels`, der sich in seinen Schriften ausführlich mit dem Fremden, dem Anderen und der Differenz beschäftigt.

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