Heimat – eine Begriffsanalyse im „langen 19. Jahrhundert“
- Tom Drechsel
- 24. Dez. 2024
- 25 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 24. Apr. 2025
(Anmerkung: Dieser unveränderte, hier veröffentlichte Text stammt aus einer Hausarbeit 2019, den ich im Rahmen meines Studiums der Kulturwissenschaften verfasst habe)
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
Im Wahlkampf zur österreichischen Bundespräsidentschaft 2016 setzte der Kandidat der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) Norbert Hofer vor allem auf das Thema der Heimat. Mit dem Slogan auf einem Wahlplakat „Aufstehen für Österreich – Deine Heimat braucht dich jetzt“[1] suggerierte er, dass durch die Flüchtlingskrise, die Migration wie auch dem beabsichtigten TTIP die Sicherheit und das Wohl der Heimat Österreichs auf dem Spiel standen. Nun war die Themenbesetzung der Heimat für die FPÖ sicherlich kein Novum. In jüngerer Vergangenheit hat sie immer wieder versucht, sich als die „Heimatpartei“ Österreichs darzustellen.[2] Neu hingegen war jedoch, dass auch der Gegenkandidat und ehemalige Sprecher der Grünen[3] dieses Feld nicht mehr den Rechtspopulisten überlassen wollte und ebenfalls im Wahlkampf darauf setzte. Heimat weniger jedoch im Sinne einer Abschottung als vielmehr für „Gemeinsamkeit“.[4] Dass nun aber ein ehemaliges Mitglied der Grünen mit Heimat Wahlkampf machte, verwunderte doch. Aber anscheinend konnte bzw. kann man mit dieser Themenbesetzung wieder Wahlen gewinnen, zumindest gab es im Jahr 2016 daran kaum ein Vorbeikommen.
Doch woher kommt diese Entwicklung? War doch gerade dieser Begriff durch die Nationalsozialisten diskreditiert und in der Folgezeit gemieden worden. Nach Michael Neumeyer wird Heimat immer wieder dann zum Thema, wenn deren Existenz bedroht ist.[5] So hat seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Beschäftigung mit Heimat, aufgrund von gesellschaftlichen Veränderungen, wie industrielle Massengesellschaft, Vereinheitlichung und Zentralisierung, Gefährdung menschlicher Existenz durch Umweltbeeinträchtigung von Luft, Wasser oder Wäldern wieder zugenommen.[6] Auch die Flüchtlingskrise in Österreich und Deutschland 2015, aufgrund des Syrienkrieges, wird man hier einordnen können, da sich doch wesentliche Teile der Gesellschaft in ihrer Ordnung bedroht fühlten.[7] Für Neumeyer sehnen sich die Menschen gerade dann wieder zu einer heilen Welt zurück, die eben in der Heimat gefunden werden könnte.[8]
Was hat man aber unter der Heimat zu verstehen? Wie ist dieser Begriff zu deuten? Handelt es sich dabei um einen Ort und wenn ja, wo liegt dieser? Oder sollte Heimat vielmehr in einem Gefühl gesucht werden? Für Günter Grass ist Heimat „zuallererst die Sprache“[9]. Vielleicht wäre es aber gar besser, von „vielen Heimaten“ zu sprechen, in dem Sinne, dass ein Mensch nicht nur eine örtliche Heimat, sondern beispielsweise auch eine sprachliche Heimat haben kann? Gibt es also eine Essenz von Heimat, die beschreibbar wäre? Nun besteht einerseits bei einem Definitionsversuch die Gefahr, dass der Begriff zu knapp dargestellt wird und somit wesentliche Eigenschaften einfach abgeschnitten werden. Andererseits wird bei einer zu breiten Definition der Begriff der Heimat obsolet, da er dann nichts mehr aussagt.
Bereits anhand dieses kurzen Fragenaufrisses kann schon der Reichtum an Deutungsmöglichkeiten und die damit einhergehende Problematik von Heimat aufgezeigt werden. Hinzu kommt die Besonderheit, dass dieser Begriff in der Vergangenheit mit je unterschiedlichen Sinngehalten belegt wurde.
In meiner Hausarbeit möchte ich auf diese geschichtliche Veränderung des „Heimatbegriffs“ im „langen 19. Jahrhundert“[10] in Deutschland bzw. dem Deutschen Reich eingehen. Insbesondere soll aufgezeigt werden, dass ein zunächst ganz und gar unpolitischer Begriff, politisch so auf- und beladen wurde, dass im 20. Jahrhundert dafür gemordet werden konnte. Gerade die Epoche des „langen 19. Jahrhunderts“ erscheint mir dafür relevant zu sein, da sich darin die wesentlichen Faktoren für diesen Wandel ausmachen lassen.
Zu Beginn wird dargestellt, dass unter Heimat noch bis ins 19. Jahrhundert nur „Haus und Hof“ bzw. das sogenannte „Heimatrecht“ verstanden wurde. Sozioökonomische Veränderungen, wie Massenindustrie, Urbanisierung, Beschleunigung des Handels etc. führten zu Identitätsverlust und Entfremdung bei einem Großteil der Bevölkerung. Durch den damit einhergehenden Wegzug von „Haus und Hof“ verlor der Begriff aber auch seine ursprüngliche Bedeutung. Da dieser aber nicht einfach verschwand, musste er mit einem neuen Sinn belegt werden, welcher in der Nation bzw. dem Staat gefunden wurde. Durch emotionale Bindung, den „Romantischen Nationalismus“ und die Heimatbewegung wurden im „langen 19. Jahrhundert“ Heimat und Nation resp. Staat mehr und mehr gleichgesetzt. Dies wird im dritten Teil aufgezeigt. In weiterer Folge begann dann eine völkische und rassistisch-antisemitische Aufladung des Heimatbegriffs, in der alles Fremde und Andersartige abgelehnt wurde, was in Teil vier behandelt wird. Die verheerenden Folgen dieser Auffassung von Heimat wurden im Nationalsozialismus akut bzw. virulent, da nun für Heimat, Nation und Vaterland gemordet wurde, was im Schlussteil noch kurz angesprochen werden soll.
2. Der Heimatbegriff bis ins 19. Jahrhundert
2.1. Heimat als Geburtsort bzw. Haus und Hof
Bis in das 19. Jahrhundert hinein hatte der Begriff der Heimat im deutschen Sprachraum noch keine politische oder emotionale Konnotation. Die Gesellschaftsordnung verstand man meist noch als von Gott gegeben und nicht änderbar. So findet sich noch im Deutschen Wörterbuch der Gebrüder Grimm 1854 unter dem Stichwort Heimat:
„Heimat, das land oder auch nur der landstrich, in dem man geboren ist oder bleibenden aufenthalt hat[11] [...]“; „Heimat, der geburtsort oder ständige wohnort [...]“[12]; “selbst das elterliche haus und besitzthum [...]“[13]
Heimat bezog sich also örtlich entweder auf den Geburtsort, den Landstrich oder aber auf das Besitztum. So wurde auch im Todesfall des Eigentümers häufig der Besitz an den Ältesten übergeben bzw. vererbt, was zur Folge hatte, dass die anderen Geschwister des Erben „heimatlos“ wurden.[14] Auch heute wird noch in Teilen des alemannischen Raumes das „Heimet“ als das Haus oder den Hof bzw. das bäuerliche Anwesen bezeichnet.[15]
2.2. Historisches Heimatrecht
Wenn Heimat bereits schon bei den Gebrüdern Grimm unterschiedliche Bedeutungen haben konnte, so gab es aber dennoch schon einen konkreten Bezug zu ihr, nämlich mittels des „historischen Heimatrechts“[16]. Dieses erlaubte, dass man sich in einer Gemeinde häuslich niederlassen und unter den gesetzlichen Bestimmungen ein Gewerbe treiben durfte und im Falle der Bedürftigkeit, Anspruch auf Unterstützung hatte.[17] Hatten ursprünglich die kirchlichen Institutionen mittels Spenden und Almosen die notwendige Versorgung von Armen häufig übernommen, so konnten sie dies durch die Reformation und diverse Kriege und der damit einhergehenden Vermögensverluste nicht mehr stemmen.[18] Nun wurden die Gemeinden verpflichtet, ihre Armen und Besitzlose aufzunehmen und sie zu unterstützen.[19] Auch wenn die Gemeinden die Anzahl an Unterstützungsberechtigten möglichst gering halten wollte, so bedeutete dies doch – für diejenigen, die dazu gehörten – ein hohes Maß an Sicherheit. Somit hatte das „historische Heimatrecht“ konkrete bzw. reale Auswirkungen und es war für die Menschen essentiell, einer Gemeinde anzugehören. Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Heimat zwar noch nicht die politische oder emotionale Konnotation hatte, welche sie später erhalten sollte, aber mittels des „historischen Heimatrechts“ der Begriff reale Bedeutung erfuhr, nämlich durch ein Mindestmaß an ökonomischer Absicherung.
2.3. Sozioökonomische Veränderungen im „langen 19. Jahrhundert“
Um den folgenden Bedeutungswandel von Heimat verstehen zu können, muss auf die sozioökonomischen Veränderungen in der Gesellschaft während des „langen 19. Jahrhunderts“ eingegangen werden. Dabei kann aufgrund des engen Rahmens dieser Hausarbeit nur auf die wesentlichen Punkte hingewiesen werden.
Zwei Ereignisse, d.h. die Französische- und die Industrielle Revolution, markieren dabei den Ausgangspunkt: Durch diese sogenannte „Doppelrevolution“[20] sollte der gesellschaftliche Wandel eine starke Dynamik entwickeln.[21]
Einerseits wurde durch die Französische Revolution die Ständeordnung des Ancien Régimes nicht nur in Frage gestellt, sondern in der Folgezeit auch größtenteils beseitigt und somit die überkommenen Ordnungen abgeschafft. Der im Zuge der Aufklärung geforderte „Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit“[22] führte zu der Emanzipierung des Individuums. Jedoch war die Kehrseite dieser Entwicklung, dass der Mensch als Individuum von nun an auf sich selbst gestellt war und sich nicht mehr an tradierten Verhaltensweisen orientieren konnte. Durch den Verlust an Sicherheit und Orientierung sorgte sich der Mensch um seine Identität.
Andererseits hatte auch die Industrielle Revolution erheblichen Einfluss auf die gesellschaftliche Entwicklung. Durch die Erfindung von neuen Maschinen wie dem mechanischen Webstuhl oder der Dampfmaschine sowie in der Phase der Hochindustrialisierung mit der Einführung des Fabriksystems und der Arbeitsteilung etc. konnte nicht nur die Produktivität stark gesteigert werden, sondern es folgte eine Neustrukturierung der Gesellschaft in Klassen. Entscheidend war von nun an, ob man Besitzer bzw. Eigentümer von Produktionsmitteln war - und nicht, ob man einen Adelstitel mit sich führte. Die impulsgebende Kraft für den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Wandel im „langen 19. Jahrhundert“ war das Bürgertum. Allerdings gab es auch Verlierer, d.h. diejenigen, welche von der Entwicklung nicht profitieren konnten und ökonomisch abgehängt wurden. Gerade bei jenen führte dies zu einer zunehmenden Entfremdung.
Eine Folge dieser Entwicklung war nun die Abwanderung aus ländlichen Gebieten und der damit einhergehenden Urbanisierung. Zwar wuchs die Bevölkerung in den Städten auch aufgrund hoher Geburtenüberschüsse, aber wesentlicher war laut Wehler die Nah- und Fernwanderung, d.h. Zuwanderung in die Städte.[23]„Der Industrialisierungsprozeß vollzog sich primär in den Städten und bot dort die Arbeitsplätze an.“[24] So zog es die arbeitssuchende Landbevölkerung in die Städte, um dort ihr Existenz zu sichern.
Die Erfindung der Eisenbahn sowie neue Telekommunikationsmöglichkeiten verstärkten ebenfalls die sozioökonomischen Veränderungen, indem Waren- und Dienstleistungen schneller gehandelt werden konnten. Zudem wurde in dieser Zeit auch das Umweltproblem durch die Verschmutzung und Verschandelung der Landschaft zunehmend ins Bewusstsein der Menschen gerückt, wie Michael Neumeyer festhält.[25]
Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Menschen durch die politischen, wirtschaftlichen und technischen Veränderungen, sowie der Urbanisierung und der Erhöhung des Warenumschlags und Kommunikationsverkehrs aus ihren früheren ständischen Ordnungen herausgerissen und mobiler wurden, da sie sich anpassen mussten.[26]
3. Suche nach einer neuen Identität
Diese Entwicklungen hatten bezüglich der Bedeutung von Heimat nun zwei wesentliche Konsequenzen. Zunächst wurde durch den Übergang von einer stationären zu einer mobilen Gesellschaft das „historische“ Heimatrecht obsolet:
„Die sich seit Beginn des 19. Jhs. vollziehende Entwicklung zum deutschen Nationalstaat führte schließlich zur vollständigen Beseitigung des Heimatrechts. Der Staat übernahm Funktionen und Aufgaben der Gemeinden, die von diesen, bedingt durch die Erfordernisse erhöhter Mobilität der Arbeitskräfte, nur noch unvollkommen erfüllt werden konnten. Insbesondere die Grundpfeiler des Heimatrechts, Wohnrecht und Armenversorgung, wurden von der Geburtsgemeinde gelöst.“[27]
Die Folge war eine Sinnentleerung des Heimatbegriffs. Verstand man unter Heimat bis dahin eine Beziehung zu Haus und Hof und der damit einhergehenden Unterstützung im Armutsfall, so wurde dies nun hinfällig, da aufgrund der gestiegenen Mobilität der Menschen es sinnvoller war, die Wohnsitzgemeinde zur Unterstützung im Armutsfall zu verpflichten als die Geburtsgemeinde.[28] Das „historische Heimatrecht“ verlor dadurch an Bedeutung, wurde in Folge sukzessive abgeschafft und dadurch büßte der Begriff der Heimat seinen ursprünglichen Sinn ein.
Die zweite Konsequenz lag aber gerade darin, dass durch die Sinnentleerung des Begriffs sich dieser, da er nicht verschwand, für eine neue Wertsetzung öffnete. Die durch den Wandel aufgekommenen Verlustängste versuchte man zu kompensieren. So begannen die Menschen nach einer neuen Identität und einer neuen Gemeinsamkeit in der Gesellschaft zu suchen. Diese wurde, wie nachfolgend aufgezeigt wird, in einer zunehmenden Gleichsetzung von Heimat mit der Nation bzw. dem Nationalstaat gefunden.
3.1. Heimweh nach Besänftigung
Zunächst führten die erläuterten sozioökonomischen Veränderungen und die damit einhergehenden Verlustängste zu einer emotionalen Aufladung der Heimat. Heimat war etwas, das es zu bewahren und zu schützen galt. Gerade die Verlierer der sich schnell ändernden ökonomischen Rahmenbedingungen zeigten reaktionäre Verhaltensweisen. Sie sehnten sich zurück zu den guten, alten Zeiten und an einen Ort, wo sie sich zugehörig und verstanden wussten.[29] Nun konnte dieser Ort, ihre Heimat, aber nicht mehr das Haus und der Hof sein, da dieser Bezug aufgrund des Wandels unwiderbringlich verloren gegangen war. So wurde Heimat vielmehr zu einem „imaginären Wunschbild“, einem Paradies, etwas, das einem ein Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit versprach, wie die Idylle des Dorfes oder der Landschaft, aus der man stammte. Heimat als eine „Besänftigungslandschaft bzw. ein Kompensationsraum“[30], wie Bausinger schreibt. Dem wurde die Großstadt mit ihrem Lärm, der Hektik, der Schnelllebig- und Oberflächlichkeit entgegengesetzt. So spricht Wilhelm Heinrich Riehl bereits Mitte des 19. Jahrhunderts von einem „Mehlthau der Großstädterei“[31], wenn er die moderne Kunst in den Städten abhandelt oder ganz allgemein von der „Blaßirtheit und Frivolität des großstädischen Publikums“[32]. Genauso wird auch in Liedtexten oder Heimatliedern emotional Bezug auf die Gegend, den Ort oder das Tal genommen, aus dem man stammte und zudem man sich zurücksehnte.[33]
Heimat wird so einerseits allgemeiner, abstrakter, neutraler und somit leichter austauschbar[34] und ist nicht mehr auf den einen bestimmten Wohnort, im Sinne von Haus und Hof bezogen. Andererseits wird sie sentimental zu einer heilen und schönen Welt verklärt.
3.2. Romantischer Nationalismus
Eine Erklärung, um die Identität in der Nation und somit die Heimat in dieser zu finden, bietet der sogenannte „Romantische Nationalismus“ an. Darin versteht Nipperdey einen „kulturellen Nationalismus“, d.h., dass alle Kultur national zu verstehen sei und er grenzt diesen vom politischen Nationalismus ab.[35] Ursachen für diesen „Romantischen Nationalismus“ sind neben einer gemeinsamen Sprache oder auch dem Widerstand gegen die französischen Truppen Napoleons, vor allem die durch die Modernisierung der Gesellschaft ausgelöste Identitätskrise.[36] Gerade durch die sozioökonomischen Veränderungen suchte man Halt in einem Streben nach Einheit – als Volk einer Nation.
Die Grundüberzeugung des „Romantischen Nationalismus“ beschreibt der Historiker wie folgt:
„Kultur, Lebensstil und die wichtigeren sozialen Institutionen sind wesentlich national bestimmt, sie sind Ausdruck einer einheitlichen Kraft, die gemeinhin als Seele oder Geist des Volks, Geist oder Charakter der Nation bezeichnet wird.“[37]
Um das Besondere der je eigenen Nation fassen zu können, konzentriert man sich vor allem auf die Sprache, da gerade sie es ist, die „den Schlüssel zum Geist des Volkes“[38] in Händen hält, da Sprache die Form der jeweiligen Weltwahrnehmung ist. Hinzu kommt aber auch das Interesse an der eigenen Geschichte. Einerseits verortete man im Mittelalter die Glanzzeit des Volkes, als es noch „knospenhaft rein und nicht überfremdet“[39] zu Tage trat, andererseits interessierte man sich für die Geschichte des einfachen Volkes, seine Sitten, Lebensweisen und Vorstellungen.[40] Die Literatur diente dazu, den Patriotismus zu fördern. Im völkischen Denken wird gerade diese Entwicklung bis ins Extrem exerziert, was weiter unten erklärt wird.
Die Romantiker verstanden nun die Nation nicht als eine Summe von unterschiedlichen Einzelteilen, sondern als einen ganzen Organismus. Sie entdeckten nach Nipperdey darin eine kollektive Identität, die Volksseele oder den Volksgeist.[41] So wurde die Nation nicht nur substantialisiert und individualisiert, sondern hypostasiert.[42] Dies führte dazu, dass sie bei den romantischen Nationalisten immer Vorrang gegenüber dem Individuum hatte.[43] Es ging ihnen aber nicht nur darum, die Nation nur zu beschreiben, sondern diese, da sie einen Wert an sich darstellt, auch für zukünftige Generationen in ihrer Einheit zu sichern und weiterzugeben, im Sinne eines Erbes. Dazu dienten beispielsweise Denkmäler, das Sammeln von deutschen Mythen und Sagen oder Volksliedern. Nach Nipperdey ging es zusammenfassend um die Einheit der Nation, in der der Einzelne „[…] seine individuelle Identität in der Aneignung des historisch-kulturellen Erbes, in der nationalen Gemeinschaft […]“[44] findet.
Ohne auf die politischen Implikationen einzugehen, da dies aus Platzgründen nicht möglich ist, sei angemerkt, dass der „Romantische Nationalismus“ nicht vom Staat, sondern von der Kultur ausgeht. Jedoch forderte diese Entwicklung nach Nipperdey fast unweigerlich nach einem gemeinsamen Staat. „Der romantische Nationalismus wurde die legitimierende Idee und eine der treibenden Kräfte des Anspruchs auf nationale Selbstbestimmung.“[45]
Durch die Verquickung von Kultur und nationalem Denken im „Romantischen Nationalismus“, sowie der weiter oben beschriebenen Emotionalisierung von Heimat, ist es zu erklären, dass die Individuen sich mehr und mehr als Teil einer Nation verstehen und sich zunehmend mit dieser identifizieren konnten. Ihre Identität finden die Individuen nun nicht mehr in einer ständischen Ordnung, wie zu der Zeit, als sie noch an Haus und Hof gebunden waren, sondern in der Deutschen Nation. Der Nationalstaat wird zu ihrer neuen Heimat. Nipperdey abschließend: „Den möglichen Leiden an der Modernität antwortet der romantische Nationalismus, indem er eine neue und größere Heimat schafft […].“[46]
3.3. Heimatbewegung
Auch in der deutschen Heimatbewegung wird dieses neue Denken, d.h. die Verbindung von Heimat und Nation forciert. Aufgrund der Bewusstwerdung der Verluste durch die sozioökonomischen Veränderungen, aber auch der Zerstörung der Natur und Umwelt durch die Modernisierung gründete bzw. entwickelte sich diese Bewegung, die zunächst in viele einzelne und unterschiedliche Verbände und Organisationen zersplittert war. Dennoch ähnelten sich ihre Arbeitsschwerpunkte, die sich immer auf die jeweilige regionale Umgebung bezogen. Die Schwerpunkte lagen erstens in der Erforschung, Erfassung und Bewahrung der Zeugnisse aus Kultur und Natur der näheren Umgebung. Zweitens im Sammeln der Überreste sowie drittens dem Verschönern und Pflegen des Erscheinungsbildes der Dörfer und Gemeinden.[47] Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gründeten, auf Anregung von Ernst Rudorff, zahlreiche Heimat-, Trachten-, Wander- und Naturschutzvereine als Dachorganisation den Deutschen Bund Heimatschutz (DBH). Einerseits zwecks einer besseren Gesamtkoordinierung der Heimatbewegung, andererseits, und dies ist nach Ditt der Hauptgrund, befand sich nach Auffassung der einzelnen Vereine Deutschland in einer „[…] tiefgreifenden Krise der Kultur […].“[48] So galt es, dem Hässlichen und Stillosen der zeitgenössischen Kultur und der Verschandelung der Natur durch die zivilisatorischen Einflüsse, besonders aus dem westlichen Ausland, entgegenzutreten.[49] Zudem wollte man sich auch gegen die Gefahren von innen schützen, den sogenannten „vaterlandslosen Gesellen“.[50]
So ging es der Heimatbewegung, allen voran dem DBH, in deren bzw. dessen Tätigkeit nicht mehr nur um Themen, die sich nur auf die jeweilige Region bezogen, sondern auch sie verbanden Heimat mit Vaterland und der Nation, die es im Ganzen zu schützen galt. Es verwundert daher auch nicht, dass sich der Aufgabenschwerpunkt verlagerte. Nicht mehr das Forschen stand im Vordergrund, sondern wichtiger wurde das Pflegen des Brauchtums (z.B. Volksfeste und Trachtenumzüge) und stilvolles, d.h. landschaftsgerechtes Bauen.[51] Eine große Bedeutung erhielt zudem auch der Naturschutz. Es galt, die Laster der Moderne mit deren zivilisatorischen Krankheiten wie Verschmutzung von Luft und Gewässer, der Verdrängung von Flora und Fauna, oder dem zunehmenden Lärm, einzudämmen, nach Möglichkeit sogar zu verhindern. Die Schönheit und Unberührtheit der Natur wurde, nach Ditt, als wesentlicher Teil der Heimat gesehen.[52]
Mit steigendem Interesse der Bevölkerung an diesen Themen wurde auch die Politik auf den Plan gerufen und die Behörden aktiv. Dies hatte zur Folge, dass Gesetze gegen die Verschandelung der Natur und Landschaft erlassen sowie beispielsweise in Preußen eine staatliche Stelle für Naturdenkmalpflege eingerichtet wurde. Von Staatsseite nahm man schließlich auch kurz vor dem Ersten Weltkrieg die Heimatkunde in den Lehrplan auf und die Lehrer wurden dazu ermutigt, in den jeweiligen Heimatvereinen mitzuarbeiten. Die Heimatbewegung wurde so zu einem Ideengeber für eine nationale und regionale Kulturpolitik.[53] Dies bedeutet schließlich, dass, Heimat nicht nur von staatlicher Seite gefördert und geschützt wurde, sondern sie auch als dessen Aufgabe verstanden wurde. So folgte auch hier eine Gleichsetzung von Heimat und Nation bzw. Vaterland. In diesem Sinne schreibt Korfkamp:
„Durch die politische Überhöhung der Heimatbewegung und des Heimatdenkens – im Sinne des Vaterlandes bzw. des wilhelminischen Reiches – wird Heimat im Politischen zum Grundstein der „nationalen Widerstandskraft“ und zum „deutschen Urgefühl“ ernannt, das den Kampf gegen Materialismus und Moderne und deren Vertreter aufnimmt und den drohenden nationalen Selbstwertverlust kompensiert, der durch die „europäische Mischkultur“ befürchtet wird.“[54]
Diese „nationale Widerstandskraft“ zusammen mit dem „deutschen Urgefühl“ wird in weiterer Folge zu einer zunehmenden Ablehnung alles Fremden und damit einhergehend zu einer völkischen und rassistischen sowie antisemitischen Aufladung des Heimatbegriffs führen. Dies soll im Folgenden beschrieben werden.
4. Völkische, rassistische und antisemitische Aufladung des Heimatbegriffs
4.1. Heimatkunst als Übergang zum völkischen und rassistisch-antisemitischen Heimatbegriff
Das völkische Denken ist nach Becker dadurch entstanden, da trotz der Reichsgründung 1871 die politische Zerrissenheit nicht aufgehoben wurde und zudem noch eine konfessionelle Spaltung in Deutschland bestand. Das „Völkische“ wollte diese territoriale, konfessionelle und staatsrechtliche Zergliederung überwinden.[55] Was genau „völkisch“ zu bedeuten hatte, war aber nicht einheitlich. Für manche hatte es einen rassistisch, antisemitischen Beiklang, andere hingegen verbanden damit die Vorstellung vom Ursprung des Germanentums, in Rasse und Blut sowie der Verwurzelung im Boden der Heimat. Das „Völkische“ kann jedoch gemeinhin als eine Ideologie verstanden werden, die Halt und Orientierung gibt und ihren Blick auf die Zukunft richtet.[56] Das Ziel sollte nach Puschner darin liegen, dass das deutsche Volk von Fremdeinflüssen befreit und auf die Neuschaffung wahrhafter artgemäßer deutscher Kultur ausgerichtet ist.[57] Indem die völkische Bewegung alles Artfremde beseitigt und ihren Fokus auf deutsche Werte und deutsche Kultur legt, kann, nach ihrer Meinung, die Zersplitterung überwunden und ein deutsches Nationalgefühl und Nationalstolz entstehen, und so Deutschland für Deutsche zur wahren Heimat werden.
Die Grundlegung zu diesem Programm war besonders gut in der Heimatkunst angelegt:
„Die Völkischen erwarteten von der Kunst nationale Kräftigung, Bestätigung des Nationalstolzes, Stärkung des völkischen Zusammengehörigkeitsgefühls und andererseits eine Eindämmung des jüdischen Einflusses.“[58]
In der Heimatkunst sehnte man sich zurück auf das ländliche Volk, die guten alten Werte, einer Schollenverhaftetheit der Menschen sowie einer nationalen Gesundung, die im Zuge der sozioökonomischen Veränderungen verloren gegangen war. Es herrschte ein allgemeiner Kulturpessimismus vor. Ihre Gegner waren die Moderne, die Großstadt, die Technik sowie der Intellektualismus.[59] Die Besonderheit lag jedoch darin, dass man sich zwar auf das Regionale besann, dies nun aber mit dem Gesamtstaat in Verbindung brachte. Heimatliebe wurde zur Vaterlandsliebe.[60] So schreibt Langbehn in seinem Werk „Rembrandt als Erzieher“ 1890: „Der Rauch der aus der Scholle steigt, ist die Seele des Landes; zu dieser Seele muss die deutsche Bildung zurückkehren.“[61] Deutschland habe sich, so Langbehn, von jener Grundlage des geistigen Daseins entfernt, müsse aber dorthin wieder zurückkehren.[62]
Es galt, das Vaterland, und somit die Heimat, von den Entwicklungen und den Einflüssen der Moderne zu schützen, indem man sich geistig und in Folge mit der Kunst auf das Regionale und Heimatliche wieder zurückbesann. Durch diese Rückbesinnung und in weiterer Folge deren Projizierung auf den Gesamtstaat, versuchte die Heimatkunstbewegung ein einheitliches, gesamtes Nationalgefühl zu entwickeln bzw. zu fördern. Dabei betont Becker, dass zwar die „Heimatkunst im völkischen Denken vorbereitet“[63] gewesen sei, sie aber an sich weder rassistisch noch antisemitisch war. Erst im – fließenden - Übergang zur Blut und Boden-Dichtung vollzog sich die Wendung dort hin. So übernimmt diese Dichtung zwar die Themen der Heimatkunst, radikalisiert diese aber noch weiter. Darin wird die Heimat mit einem „[…] agrarisch-biologisierenden Menschentypus“ belegt“[64], wie Bastian schreibt.
4.2. Der völkisch-rassistische-antisemitische Heimatbegriff
War Heimat bis hierher hauptsächlich als etwas verstanden worden, das es zu bewahren galt bzw. nach dem man sich zurücksehnte, weil es aufgrund der Modernisierung verloren gegangen war, so veränderte sich ihr Sinngehalt im völkischen Denken grundlegend. Das „Heimat-Denken“ radikalisierte sich. Über Heimat wurde nicht mehr nur nostalgisch nachgedacht und sinniert, sondern sie wurde überhöht, idealisiert, gar mythologisiert. Allgemein kann gesagt werden, dass im völkischen, rassistisch-antisemitischen Denken die Überlegenheit der deutschen Kultur und der arischen Rasse gegenüber den anderen gesehen wurde. Dies beeinflusste maßgeblich den Heimatbegriff im 20. Jahrhundert. Um die wahre Heimat wieder zu erlangen, verlangte das völkischen Denken, dass es einer Katharsis bedarf. Heimat sollte wieder etwas Reines, Ursprüngliches und Wahres werden. Sie musste von allem Fremden gereinigt und befreit werden. Und fremd war alles, was nicht deutsch war. Heimat wurde so zu einem Kampfbegriff. Zwar hat auch der „Romantische Nationalismus“ alles Fremde bereits verbannen wollen, aber im Völkischen erfolgt eine Radikalisierung. Heimat war nicht mehr nur auf einen lokalisierbaren, geographischen Ort bezogen, sondern Heimat und Deutschtum gehörten zusammen. Dieses Ziel galt es zu erreichen und in Folge dann auch zu verteidigen! Daher konzentrierte man sich in der völkischen Bewegung auf die Sprache, die Rasse und die Religion.[65]
Die Muttersprache – und diese ist in völkischer Hinsicht relevant - wird als wichtiges Kriterium behandelt, wenn es um eine völkische Identität geht. Diese soll von allen fremden Einflüssen, wie beispielsweise Fremdwörtern, befreit und für die Zukunft rein gehalten werden.[66] Aus diesem Grunde bildeten sich diverse Sprachvereine, wie z.B. der „Alldeutsche Sprach- und Schriftverein“, der sich der Pflege und Erhaltung der deutschen Schrift, der Verdrängung des Lateins sowie deren Anerkennung als Eigenschrift der germanischen Rasse forderte.[67] Muttersprache und Vaterland gehörten zusammen, da nur so das „Deutschtum“ erhalten werden konnte. Die Sprache, so fasst Puschner zusammen, sei der Schlüssel zu einem völkischen Deutschland.[68]
Als Medium dieser völkischen Sprachbewegung diente die durch Adolf Reinecke gegründete Zeitschrift „Heimdall“, der in seinen Glaubens-, Grund- und Leitsätzen von 1896 im Ton zwar schärfer, aber inhaltlich in etwa dasselbe forderte. Der wesentliche Unterschied für Reinecke bzw. den Heimdall war jedoch, dass Sprache für ihn lediglich ein „Merkmal zur Bestimmung der Zugehörigkeit zum deutschen Volk“[69] sei. Vielmehr wurde ein radikaler, rassistischer Nationalismus propagiert, in dem Sinne, dass es die heilige Pflicht der Germanen als dem edelsten Volk sei, sich aus den Fängen der wälschen, slawischen oder semitischen Art zu befreien, da diese minderwertige Rassen seien.[70]
Neben der Sprache lag der Fokus vor allem auf der Betonung der Überlegenheit der germanischen Rasse. Begründet wurde dies vor allem im Zuge der Lehre Darwins über die Entwicklung der Arten und der dann im Anschluss daraus entwickelten Pseudotheorie des Sozialdarwinismus, die die natürliche Selektion auf die Gesellschaft übertrug. Es handelte sich um einen Rassenkampf, in dem die edelste Klasse und somit die germanische, obsiegte. Man ging dann davon aus, dass Bluts- und Geschichtsgemeinschaften, da sie auf einer gemeinsamen rassischen, d.h. biologischen Grundlage stünden, eine Staatsgemeinschaft bilden müssen und dies die Schaffung eines deutschvölkischen Menschen zum Ziel hatte.[71] So sah man die Existenz der deutschen Rasse gerade dann gefährdet, wenn sie mit minderwertigerem Blut gemischt würde. Diese physiologische Verschmelzung würde Blutchaos zur Folge haben, welches auf Kosten des „edleren“ Blutes ginge. Dieser Tendenz müsse Einhalt geboten werden durch die Vermeidung von Rassenmischung sowie der Stärkung der germanischen Rassenbestandteile.[72]
Diese Lehre wurde in Folge von diversen Agitationsverbänden protegiert. Beispielsweise dem Alldeutschen Verband, der einer der bekanntesten und aggressivsten Verbände im Wilhelminischen Deutschland war. So schreibt er in der Satzung von 1903:
„Der Alldeutsche Verband erstrebt Belebung der deutschnationalen Gesinnung, insbesondere Weckung und Pflege des Bewußtseins der rassenmäßigen und kulturellen Zusammengehörigkeit aller deutschen Volksteile.“[73] (Kursiv durch Verfasser)
Weitere radikale Verbände waren beispielsweise der „Deutsche Flottenverein“, der „Deutsche Ostmarkenverein“ oder die „Deutsche Kolonialgesellschaft“, auf die ich aus Platzgründen nicht weiter eingehen kann.
Durch diese Sichtweise wird auch verständlich, dass es zu einem Antisemitismus kommen konnte, auch wenn umstritten ist, ob der Antisemitismus aus der völkischen Gesinnung stammt oder diese aus jener.[74] Anlässe für den Antisemitismus werden jedoch viele vorgetragen, z.B., dass die Juden die Weltherrschaft an sich reißen wollten, sie für den Niedergang der Wirtschaft verantwortlich gemacht wurden, dass die Juden die Mörder Jesus sind usw. Entscheidend ist, dass man das jüdische Element aus der deutschen Gesellschaft verbannen wollte, entweder in einer eher gemäßigteren Form des „gebildeten Antisemitismus“[75], d.h., dass die Juden sich assimilieren und das Fremde aufgeben sollten oder radikal, indem man ihre Vernichtung wünschte, was später im Nationalsozialismus in die Tat umgesetzt wurde. Radikale Agitationsvereine waren diesbezüglich beispielsweise der „Bund der Landwirte“ sowie der „Deutschnationale Handlungsgehilfenverband“.[76]
Für den „Heimatgedanken“ wurde auch im Völkischen bzw. hinsichtlich des Antisemitismus das Thema Religion relevant, auf das ich noch kurz eingehen möchte. Auch hier versuchte man alles Fremde auszuklammern, was auf Basis der tradierten Lehre des Christentums, die ja bekanntlich mit der jüdischen Religion zumindest stark verwoben ist, schwer viel. Einerseits gab es die sogenannten „Deutschchristen“. Diese versuchten, alles Jüdische aus der Bibel bzw. dem Alten Testament zu verbannen und nur das zu akzeptieren, was sich mit dem Arischen vertrug.[77] Die andere Variante waren, nach Puschner, die Vertreter der „Deutschen Religion“.[78] Diese kritisierten gerade die Deutschchristen, da man nach ihrer Meinung nicht weiterkäme, wenn man versuchte, das Jüdische auszuklammern, da dann immer noch „ein Zuviel“ an Jüdischem übrig bliebe. Daher musste man ganz auf eine deutsche Religion setzen, die ihre Begründung in einer Naturreligion verortet, welche auf deutschen Mythen, Märchen und einer „Urheimat“ basiert. Heimat, hinsichtlich der Religion, wurde also so auch in einer reinen, deutschen Ursprünglichkeit, ohne Beinhaltung oder Vermischung von etwas Fremdem verstanden.
Durch die Reinigung der deutschen Sprache, der Rasse und der Religion und der damit einhergehenden rassistisch-antisemitischen Ausgrenzung von allem Fremdartigen, wolle man ein reines und wahrhaftiges Deutschtum erlangen. Eines, das wieder für Deutsche eine echte Heimat bot. Für dieses Ziel wird man im Nationalsozialismus „über Leichen gehen“, doch bevor dies im Schlussteil noch angedeutet wird, sollen im Nachfolgenden noch die bereits erwähnten „vaterlandslosen Gesellen“ besprochen werden.
4.3. Die „vaterlandslosen Gesellen“
Fremdes drohte dem Deutschtum nicht nur von außen, sondern „loderte und wucherte“ auch innerhalb der deutschen Grenzen hervor.
Durch die oben beschriebenen sozioökonomischen Veränderungen und der damit einhergehenden Massenindustrialisierung waren die Arbeiter gezwungen worden, Haus und Hof zu verlassen und ihr Leben bzw. ihren Lebensunterhalt in der Fremde, vor allem in den urbanen Zentren, zu bestreiten. Dadurch, sowie der durch die Massenindustrie erfahrenen harten und teilweise unmenschlichen Arbeitsbedingungen, gewannen sie einen ganz anderen Begriff von Heimat. Zwar wurde in der Arbeiterbewegung Heimat auch mit Vaterland gleichgesetzt, aber in einem anderen Sinne: So schrieb Jakobi 1870:
„ „Das Wort“ Vaterland, das ihr im Munde führt, hat keinen Zauber für uns, […] unsere Heimat ist die Welt: ubi bene ibi patria – wo es uns wohl geht, das heißt, wo wir Menschen sein können ist unser Vaterland; Eurer Vaterland ist für uns nur eine Stätte des Elends, ein Gefängnis, ein Jagdgrund, auf dem wir das gehetzte Wild sind und mancher von uns nicht einmal einen Ort hat, wo er sein Haupt hinlegen kann. Ihr nennt uns, scheltend, `vaterlandslos´ und Ihr selbst habt uns vaterlandslos gemacht!“[79]
Nicht nur haben die gesellschaftlichen Veränderungen die Arbeiter entwurzelt, zu Elend, Armut und Entfremdung geführt, sondern sie wurden für ihre Heimatlosigkeit auch noch gescholten. Der Vorwurf, der ihnen gemacht wurde, war, dass die Arbeiter das Vaterland nicht mehr als die vertraute Umgebung, den Staat oder die Nation betrachteten, sondern sie ihr Vaterland und somit ihre Heimat in der Gemeinschaft mit ihren Leidensgenossen fanden. Nicht irgendwelche nationalen Grenzen beinhalteten für sie Heimat, sondern das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Es war ihre soziale Umgebung, in der sie sich verstanden fühlten und Solidarität erfuhren.[80] So kann das obige Zitat als eine Antwort auf den pauschalen Vorwurf Riehls Mitte des 19. Jahrhunderts betrachtet werden, der meinte, dass die Arbeiterschaft vaterlandslos sei, da sie ihre Herkunft und ihre Wurzeln, welche eben in der Scholle lagen, im Gegensatz zur Bauernschaft vergessen hatten.[81] Aber dagegen waren es gerade die sozioökonomischen Entwicklungen und deren Profiteure, die die Menschen bzw. Arbeiter von ihren Familien und Freunden fortgerissen, sie an „fremde Orte verpflanzt“[82] und sie dadurch vaterlandslos gemacht hatten. Aber auch 25 Jahre nach Jakobis Rechtfertigung diffamierte Kaiser Wilhelm II. die Arbeiterschaft als „vaterlandslose Gesellen“.[83] Nun weniger im Sinne einer Entwurzelung von der Scholle, als vielmehr dafür, dass die Arbeiter, Sozialisten und Sozialdemokraten es an Solidarität mit dem Kaiser und an „seinem“ Deutschland mangeln ließen. Für die „vaterlandslosen Gesellen“ war aber Heimat weder an ein Nationalgefühl oder an eine Scholle gebunden, noch völkisch aufgeladen, sondern in der Solidarität zu den anderen Arbeitern bzw. ihrer Arbeiterklasse gegeben – ubi bene – ibi patria, da wo es uns wohl geht, ist unser Vaterland.
5. Schluss
In dieser Arbeit habe ich versucht aufzuzeigen, wie sich die Bedeutung des „Heimatbegriffs“ im „langen 19. Jahrhundert“ gewandelt hat. Verband man lange Zeit darunter die Bindung an „Haus und Hof“ sowie aus rechtlicher Sicht eine ökonomische Absicherung durch die Geburtsgemeinde im Armutsfall, so änderte sich die Bedeutung aufgrund des sozioökonomischen Wandels. Den dadurch entstanden Identitätsverlust sowie das durch die Massenindustrialisierung entstandene Gefühl der Entfremdung, versuchten die Menschen zu kompensieren, indem sie nostalgisch und in idealisierter Weise auf eine Welt zurückblickten, die längst vergangen war. Diese Welt wurde nun sentimental zur Heimat verklärt. Heimat als Besänftigungslandschaft und Kompensationsraum, wie Bausinger schreibt. Aber nicht mehr Haus und Hof boten die ursprüngliche Sicherheit, die man mit Heimat identifizierte, sondern in der Nation bzw. dem Vaterland wurde ein neues Gefühl von Gemeinsamkeit entdeckt. Dies Gefühl entstand durch Rückbesinnung auf eine gemeinsame Sprache und Geschichte, wie der „Romantische Nationalismus“ erklärt. So fanden die Menschen zu einer neuen Identität. Mittels der Heimatbewegung wurde das Zusammengehörigkeitsgefühl weiter gestärkt, insbesondere dadurch, dass die Politik Gesetze zum Schutz und Bewahrung der Heimat verabschiedete. Die Heimatkunst stellte in weiterer Folge die Grundlage für den Übergang zu einer völkisch und rassistisch-antisemitischen Aufladung des „Heimatbegriffs“ dar. Völkisches Denken forderte mittels einer Radikalisierung den Ausschluss alles Fremden aus der Heimat. Dazu soll die Sprache von Fremdwörtern, die christliche Religion von allem Jüdischem und die deutsche Rasse von fremdem Blut befreit und für die Zukunft rein gehalten werden.
Der Nationalsozialismus hatte dem Begriff der Heimat zunächst nur wenig Neues hinzuzufügen. Auch wenn sein Denken darüber nicht widerspruchsfrei war, so setzte er sie ebenfalls mit Nation, Vaterland und Volk bzw. der Volksgemeinschaft gleich.[84] Wesentlich ist nun aber, dass der Nationalsozialismus den Forderungen nach einem wahren, reinrassigen deutschen Volk, Taten folgen ließ und in Folge Juden, Sinti, Roma und alle, die nicht der deutschen Rasse und Gesinnung entsprachen, wie beispielsweise auch die Sozialisten, Kommunisten oder sonstige „vaterlandslose Gesellen“, in den Konzentrationslagern ermorden ließ.
Hinzu kommt noch ein Expansionsstreben des nationalsozialistischen Regimes, da das „Deutsche Volk“, um nicht zugrunde zu gehen, ihrer Meinung nach Platz und Lebensraum benötigte.[85] Dies rechtfertigte für sie die Annektierung und Angliederung von ehemals deutschen- wie auch nichtdeutschen Gebieten. Es galt, die Ideologie „Heim-ins-Reich“[86], was in Folge auch als Legitimierung von Angriffskriegen diente. So konnte und durfte für die Heimat gemordet werden.
6. Quellenverzeichnis

7. Online-Quellenverzeichnis

8. Literaturverzeichnis

[1] Vgl. O.V., Hofer präsentiert Wahlplakate: "Deine Heimat braucht dich jetzt", in derStandard.at vom 14.03.2016. Online unter: https://derstandard.at/2000032885411/Hofer-praesentiert-Wahlplakate-Deine-Heimat-braucht-dich-jetzt, [Zugriff: 09.02.2019].
[2] Vgl. O.V., FPÖ-Wandzeitung 2007. Mut zur Heimat. Die Mächtigen jagen ihn, weil er für euch ist. ÖNB Bildarchiv und Grafiksammlung (POR), Online unter: http://data.onb.ac.at/rec/baa15938506, [Zugriff: 09.02.2019].
[3] Alexander Van der Bellen war von 1997-2008 Bundessprecher der Grünen. Vgl. Republik Österreich Parlament, Online unter: https://www.parlament.gv.at/WWER/PAD_02856/index.shtml, [Zugriff: 09.02.2019].
[4] Vgl. O.V., „Die Chance lebt“, in ORF.news vom 26.04.2016, Online unter: https://orf.at/v2/stories/2336663/2336664/, [Zugriff: 09.02.2019].
[5] Vgl. Michael Neumeyer, Heimat – Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens, Kiel 1992, Seite 1.
[6] Vgl. ebd.
[7] Dies spiegelt sich nach Auffassung des Verfassers u.a. in den Wahlergebnissen der AfD, FPÖ, Lega Nord etc. ab 2016 sowie bspw. in der Erscheinung der PEGIDA-Bewegung wider.
[8] Vgl. Michael Neumeyer, Heimat – Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens, Kiel 1992, Seite 1.
[9] Mitscherlich/Kalow, Hauptworte-Hauptsachen, Heimat-Nation, München 1971.
[10] Dieser Begriff meint die Periode ausgehend vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg und ist dahingehend relevant, da sich in dieser Zeit starke Umbrüche in der Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Religion ereignet haben. Vgl. z.B. Jürgen Kocka, Handbuch der deutschen Geschichte, Das lange 19. Jahrhundert, Stuttgart 2001.
[11] Deutsches Wörterbuch Jacob und Wilhelm Grimm, Bd. 10, Leipzig 1854-1961, Spalte 865, Online unter: http://woerterbuchnetz.de/cgi-bin/WBNetz/wbgui_py?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GH05424#XGH05424, [Zugriff: 09.02.2019].
[12] Ebd.
[13] Ebd.
[14] Vgl. Jens Korfkamp, Die Erfindung der Heimat, Berlin 2006, Seite 29.
[15] Vgl. Tiburt Fritz, Werner Drechsel, Karl Keßler (Hrsg), Kleinwalsertaler Mundartwörterbuch, Immenstadt 1995, Seite 104.
[16] „historisch“ aus dem Grunde, da heute unter dem Heimatrecht das Recht auf Heimat im Sinne der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verstanden wird.
[17] Vgl. Herman Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Heimat, Analysen, Themen, Perspektiven, Bd. 294/I, Bonn 1990, Seite 78.
[18] Vgl. Michael Neumeyer, Heimat – Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens, Kiel 1992, Seite 8f.
[19] Vgl., ebd.
[20] Der Beginn dieser Doppelrevolution wird ins letzte Drittel des 18. Jahrhunderts verortet. Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 3. Band, München 1995, Seite 3.
[21] Vgl. ebd.
[22] Immanuel Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?, in: Zum ewigen Frieden und andere Schriften, Frankfurt am Main 2008, Seite 25.
[23] Vgl. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, 3. Band, München 1995, Seite 510f.
[24] Michael Neumeyer, Heimat – Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens, Kiel 1992, Seite 11.
[25] Vgl. ebd., Seite 21f.
[26] Vgl. Jens Korfkamp, Die Erfindung der Heimat, Berlin 2006, Seite 35.
[27] Michael Neumeyer, Heimat – Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens, Kiel 1992, Seite 12.
[28] Vgl. Herman Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Heimat, Analysen, Themen, Perspektiven, Bd. 294/I, Bonn 1990, Seite 78.
[29] Vgl. Michael Neumeyer, Heimat – Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens, Kiel 1992, Seite 20.
[30] Vgl. Hermann Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft, in Heimat Analysen, Themen, Perspektiven, Bonn 1990, Seite 79f.
[31] Wilhelm Heinrich Riehl, Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage einer deutschen Social-Politik, 1. Band, Stuttgart u. Augsburg 1855, Seite 95.
[32] Ebd., Seite 96.
[33] Beispielsweise in der Walser-Hymne in der es in der dritten Strophe heißt: „Ob noch so fern der Walser lebt sein Herz – ruf nach der Heimat strebt. Nach Riezlern, Hirschegg Mittelberg, mein Walsertal [...]“ Der Text stamm von dem Chronisten Alfons Köberle, 1893-1980. Vgl. „Nennt mir das Tal so wunderschön“, Gemeinde Mittelberg, Online unter: https://www.gde-mittelberg.at/de/leben-im-kleinwalsertal/kultur-freizeit/das-walserlied, [Stand 13.02.2019].
[34] Vgl. Michael Neumeyer, Heimat – Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens, Kiel 1992, Seite 20.
[35] Vgl. Thomas Nipperdey, Nachdenken über die deutsche Geschichte, München 1991, Seite 132.
[36] Vgl. ebd., Seite 137ff.
[37] Thomas Nipperdey, Nachdenken über die deutsche Geschichte, München 1991, Seite 133.
[38] Ebd.
[39] Ebd.
[40] Vgl. ebd.
[41] Vgl. ebd., Seite 135.
[42] Vgl. ebd.
[43] Vgl. ebd., Seite 137.
[44] Ebd.
[45] Ebd. Seite 145.
[46] Ebd. Seite 150.
[47] Vgl. Karl Ditt, Die deutsche Heimatbewegung 1871-1945, in: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.), Heimat, Analysen, Themen, Perspektiven, Bd. 294/I, Bonn 1990, Seite 137f.
[48] Ebd., Seite 139.
[49] Vgl. ebd.
[50] Auf die „vaterlandslosen Gesellen“ wird unten noch eingegangen.
[51] Vgl. ebd., Seite 140f.
[52] Vgl. ebd., Seite 141.
[53] Vgl. ebd., Seite 141ff.
[54] Vgl. Jens Korfkamp, Die Erfindung der Heimat, Berlin 2006, Seite 52.
[55] Vgl. Peter E. Becker, Wege ins Dritte Reich, Teil 2 Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus, Stuttgart/ New York 1990, Seite 573.
[56] Vgl. ebd.
[57] Vgl. Uwe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, Stuttgart 2001, Seite 272.
[58] Peter E. Becker, Wege ins Dritte Reich, Teil 2 Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus, Stuttgart; New York 1990, Seite 579.
[59] Vgl. Michael Neumeyer, Heimat – Zu Geschichte und Begriff eines Phänomens, Kiel 1992, Seite 28.
[60] Vgl. ebd., Seite 29
[61] Julius Langbehn, Rembrandt als Erzieher, Leipzig 1890, Seite 138.
[62] Vgl. ebd.
[63] Peter E. Becker, Wege ins Dritte Reich, Teil 2 Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus, Stuttgart; New York 1990, Seite 573.
[64] Andrea Bastian, Der Heimat-Begriff, Tübingen 1995, Seite 197.
[65] Vgl. Uwe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, Stuttgart 2001, Seite 15ff.
[66] Vgl. ebd.
[67] Vgl. ebd., Seite 37.
[68] Vgl. ebd., Seite 48.
[69] Ebd., Seite 35.
[70] Heimdall, Zeitschrift für reines Deutschtum und All-Deutschtum, 1ff (1896ff), zit. nach . Uwe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, Stuttgart 2001, Seite 35.
[71] Vgl. ebd., Seite 16f.
[72] Vgl. ebd., Seite 100.
[73] Zit. nach Alfred Kruck, Die Geschichte des Alldeutschen Verbandes 1890-1939. Wiesbaden 1954, Seite 10f.
[74] Da es in dieser Arbeit nicht um die Entstehung des Antisemitismus geht, kann hier nicht weiter darauf eingegangen werden.
[75] Vgl. Peter E. Becker, Wege ins Dritte Reich, Teil 2 Sozialdarwinismus, Rassismus, Antisemitismus, Stuttgart; New York 1990, Seite 543.
[76] Vgl. ebd., Seite 540.
[77] Vgl. Uwe Puschner, Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich, Stuttgart 2001, Seite 216f.
[78] Vgl. ebd., Seite 222ff.
[79] Johann Jacobi, Das Ziel der Arbeiterbewegung, Berlin 1870, zit. nach Wolfgang Kaschuba, Arbeiterbewegung – Heimat – Identität, in Tübinger Korrespondenzblatt Nr. 20, 1979, Seite 14f.
[80] Vgl. Hermann Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft, in Heimat Analysen, Themen, Perspektiven, Bonn 1990, Seite 81.
[81] Vgl. Wilhelm Heinrich Riehl, Die Naturgeschichte des Volkes als Grundlage als Grundlage einer deutschen Sozialpolitik, 2. Band, Stuttgart u. Augsburg 1851, Seite 267ff, insbesondere Seite 274.
[82] Vgl. Hermann Bausinger, Heimat in einer offenen Gesellschaft, in Heimat Analysen, Themen, Perspektiven, Bonn 1990, Seite 81.
[83] Ebd.
[84] Vgl. Andrea Bastian, Der Heimat-Begriff, Tübingen 1995, Seite 133.
[85] Vgl. ebd., Seite 134.
[86] Vgl. Jens Korfkamp, Die Erfindung der Heimat, Berlin 2006, Seite 58